Freitag, 20. Mai 2016

Etwas anderer Geburtsbericht "Schwangerschaftsvergiftung"

Auf den Tag genau vor zwei Jahren habe ich meine Tochter zur Welt gebracht, es war keine normale, keine wirklich schöne oder leichte Geburt, aber mit der schönste Tag in meinem Leben. Wir feiern heute den zweiten Geburtstag unserer Prinzessin und ich meine Gesundheit!




Es ist erst Mitte Mai und doch haben wir schon Sommertemperaturen. Immer wieder wird mir schwindelig und sehe kleine Sterne glitzern. Ich setze mich auf die Couch und atme tief durch, das Sausen in den Ohren macht mich fast wahnsinnig. Mein Mann bringt mir einen Schluck Wasser und sieht mich besorgt an. Ich beschwichtige ihn, erkläre dass es am Wetter liegt. Dennoch lässt er es sich nicht nehmen meinen Blutdruck zu messen, als ehrenamtlicher Rettungssanitäter hat man da natürlich immer alles griffbereit zu Hause.
Mein Blutdruck ist erhöht. Das liegt bestimmt daran, dass mein Körper momentan mehr leisten muss und wesentlich mehr Blut in ihm zirkuliert. Beim wöchentlichen Kontrolltermin spreche ich meinen Frauenarzt darauf an. Er bestätigt meinen erhöhten Blutdruck, beschwichtigt aber mit den Worten, dass das in diesem Stadium der Schwangerschaft normal sei und wir es im Auge behalten. Meine Füße haben minimal Wasser eingelagert, auch das ist normal, immerhin trage ich mittlerweile 12 Kilos mehr mit mir herum. Alles ist gut und die 36. Schwangerschaftswoche nähert sich dem Ende. Zu Hause mache ich mich daran endlich meine Kliniktasche fertig zu packen, ich bin spät dran und es fehlten noch einige Kleinigkeiten. Die Babyschale steht bereits im Flur und jetzt auch direkt die Tasche daneben, fertig. Nun kann es losgehen und das hätte ich besser nicht gedacht…

Zwei ruhige Tage voll Vorfreude und schönem Wetter vergingen und für das Wochenende stand ein Restaurantbesuch auf dem Plan, denn mein Geburtstag wollte nachgefeiert werden. Es ist herrlich die Zeit zu Zweit so intensiv genießen zu können, sich gemeinsam auf das Familienleben zu freuen und weitere Pläne zu schmieden. Nach dem leckeren Essen war ich unglaublich müde und versuchte mich so schnell wie möglich aus meiner Hose zu schälen und die Socken loszuwerden. Das Bett lachte mich regelrecht an und an den Liebsten gekuschelt schlief ich selig ein.
Es ist ja nicht ungewöhnlich, wenn man in der Schwangerschaft auch nachts mehrfach die Toilette aufsuchen muss. Erst sind es die Hormone und am Ende lässt uns der geringe Platz im Bauch in regelmäßigen Abständen das Klo aufsuchen. Ich wurde von einem Ziehen im Rücken geweckt. Nichts schmerzhaftes, aber es war doch sehr unangenehm. Der Gang zur Toilette brachte mir leider nicht die erhoffte Erleichterung und wie ich mich ins Bett legte, ich konnte nicht mehr einschlafen.
Als das Ziehen dann doch endlich von selbst wieder verschwand dachte ich nicht weiter darüber nach, müde schlief ich ein und erzählte meinem Mann beim Frühstück, dass das wohl die im Geburtsvorbereitungskurs genannten Senkwehen gewesen sein mussten. Den fehlenden Schlaf holte ich mir über den Tag verteilt wieder zurück, generell war ich müder als sonst. Das Wetter macht einem wirklich zu schaffen, wenn der Körper so voll mit Hormonen ist.

In der nächsten Nacht wurde ich erneut von einem Ziehen im  Rücken geweckt, dieses Mal war es deutlich stärker. Das hin und her wälzen war unzumutbar, um meinen Mann nicht zu wecken schlich ich dann gegen 1 Uhr ins Wohnzimmer. Ich wusste nicht was ich tun sollte, denn sitzen und liegen war nur schwer möglich, an stehen war gar nicht zu denken. Immer wieder musste ich die Position wechseln. 
Gegen 4 Uhr wurde mein Mann wach, er schien mich zu suchen und kam verwundert ins Wohnzimmer. Ich erklärte ihm, dass die Senkwehen mich wach hielten und ich ihn nicht wecken wollte. Seinen Vorschlag mir Gesellschaft zu leisten lehnte ich direkt ab, denn er braucht seinen Schlaf für den kommenden Arbeitstag. Gerade als er aus der Tür gehen wollte fuchtelte ich wild mit den Armen. Ganz plötzlich überkam mich ein Gefühl als müsse ich mich übergeben. Geistesgegenwärtig rannte mein Mann los und brachte mir einen Putzeimer, keine Minute zu früh. Mein noch immer nicht verdautes Abendessen ergoss sich in den blauen Eimer und von jetzt auf gleich fühlte ich mich „komisch“.
Auch wenn ich nicht sagen konnte was es war, ich hatte ein ungutes Gefühl und wir packten meine Tasche ins Auto und machten uns direkt auf den Weg ins Krankenhaus.

Wie ruhig es dort morgens um 5 Uhr ist, man begegnet am Eingang einem Taxifahrer und auf den Gängen entweder einem hektischen Arzt oder einer rasch vorbeihuschende Krankenschwester. Der Aufzug war leider komplett voll mit frischen Betten, Krankenschwester und zwei Putzfrauen. Mein Mann fragte ob ich noch Treppen laufen könne und ich bejahte dies. Also stiegen wir noch ein paar Treppen zu Fuß, ich glaube bis in den dritten oder vierten Stock. Noch immer ging es mir gut. Nur dieses leichte Ziehen.
Wir klingelten am Kreißsaal und eine nette Hebamme brachte mich in eines der Behandlungszimmer. Kurz darauf kam auch schon die Ärztin und ich erklärte ihr was los sei. Ich hatte keinerlei Anzeichen dafür das etwas nicht in Ordnung sein könnte. Im Grunde wollte sie schon den Brief für den Frauenarzt schreiben und mich wieder nach Hause schicken, aber mein Mann bat sie darum noch den Blutdruck zu messen.  Bestimmt dachte sich die Ärztin in dem Moment „was für ein Gluckenvater“, aber sie maß meinen Blutdruck. 188 systol – Schreck!
Die Ärztin wurde merklich nervös und bat meinen Mann mich zu den Hebammen in den Kreißsaal zu begleiten. Ich verstand die Aufregung nicht, mit meinem Baby ist doch alles in Ordnung, der Herzschlag kräftig und wie zuverlässig sind denn schon diese automatischen Blutdruck-manschetten die einem beim Aufpumpen den Arm halb zerquetschen. Auf dem Gang hörten wir die Ärztin telefonieren „Direkt den Kreißsaal fertig machen, ich informiere  sofort die Oberärztin.“
Ich lache meinen Mann an und will irgendetwas witziges sagen, da kam sie wieder diese plötzliche Übelkeit. Auf halbem Weg ist eine Toilette, ich schaffe es gerade noch so und mein Mann hält meine Haare während ich das Nichts in meinem Magen zu erbrechen versuche. Was ist bloß los?!

Im Kreißsaal ist eine sehr nette Hebamme für mich da. Ich muss mich in ein Bett legen und darf nicht mehr aufstehen. Mir wird Röhrchenweise das Blut abgezapft und an meinem Arm pumpt alle 10 Minuten das Blutdruckgerät erneut, die Bänder des CTG an meinem Bauch drücken unangenehm und die Tritte meiner Maus schmerzen dadurch. Nach 30 Minuten erneute Blutabnahme, das CTG zeigt leichte Wehen und ich bekomme einen Magnesiumtropf. Um das Bett herum stehen viele Geräte, treten sich Hebamme und Ärzte auf die Füße und noch immer geht es mir gut. Mein Mann ruft meine Mutter an und erzählt ihr, dass ich im Krankenhaus bin. Ich schicke meinen Mann danach zur Arbeit und die Hebamme verspricht ihn sofort anzurufen, wenn etwas ist.
Nach 30 Minuten erneute Blutabnahme, mein linker Arm schmerzt von den Nadeln. Ich habe Durst und trinke ein Glas Wasser. Urplötzlich wird mir schlecht, ich klingle nach der Hebamme, aber kann es nicht mehr halten. Mein Bett ist vollgekotzt. Die Hebamme lässt einen Arzt und Schwester holen um das Bett beziehen zu können. Der Arzt beobachtet mich und meine Gerätschaften mit Argusaugen. Ich fühle mich schlapp, habe Hunger und Durst. Der Arzt hängt den Magnesiumtropf um, so dass die Lösung nun in die andere Hand läuft.
Erneute Blutabnahme nach 15 Minuten. Dieses Mal an der anderen Hand, da an der anderen jetzt das Magnesium hängt. Ich bekomme einen Katheter. Man möchte wissen wie viel Flüssigkeit ich aufnehme und auch meinen Körper vollständig durchläuft. Mensch ist das Teil unangenehm, aber zur Toilette kann ich eh nicht mehr selbstständig gehen.
Meiner Maus geht es immer noch gut und das kleine Herzchen schlägt normal. Ich bekomme laut CTG leichte Wehen, aber mein Muttermund öffnet sich nicht. Gerade als die Hebamme wieder nach mir gesehen hat und den Raum verlassen möchte rattert das CTG los. Noch während ich mich frage ob das Gerät jetzt spinnt schießt der Schmerz durch meinen Körper. Mein Bauch ist steinhart und mir bleibt die Luft weg. Die Hebamme atmet mit mir und ruft dann schnell die Oberärztin. Ich habe Wehen, ganz plötzlich und es sind Wehen die anscheinend von der Intensität denen entsprechen die direkt vor der Pressphase kommen. Mein Muttermund ist einen Zentimeter geöffnet, zu wenig für eine normale Entbindung.
Mein Mann wird benachrichtigt und er kommt direkt. Ich weiß noch, dass die Oberärztin sagte, dass gleich ein Anästhesist kommt und mich über den Kaiserschnitt aufklärt und dann erinnere ich mich nur noch verschwommen. Ich habe unglaubliche Schmerzen, krampfe mich zusammen, wenn die Wehe weggeatmet ist bricht jedes Mal mein Kreislauf zusammen. Der Anästhesist klärt mich über alles auf, aber von seinen Worten weiß ich nichts mehr. Die Wehen kommen im Minutentakt und ich weiß nicht mal mehr, dass ich den Aufklärungsbogen unterschrieben habe.
Mein Kreislauf war weg, all die Hektik um mich herum bekomme ich nicht mit. Ich möchte nicht wissen, wie mein Mann sich in dieser Situation gefühlt haben muss...

Es klingt bescheuert, aber ich war nicht ich selbst. Es war für mich als würde ich neben meinem Bett herlaufen, als sie mich in den OP gefahren haben. Erst als ich die Spiralanästhesie bekam wurde ich wieder klarer. Mein Mann saß neben meinem Kopf, hielt meine Hand, vor mir ein großes grünes Tuch und dann fragte die Ärztin ob ich das spüre. Was spüren? Ach das, das fühlt sich an als würde jemand mit einem Kulli auf meinem Bauch malen. Ja, so fühlte sich für mich der Schnitt mit dem Skalpell an.
Der danach folgende Ausruf „verdammte Scheiße“ machte mir dann mächtig Angst. Später wurde mir gesagt, dass meine Fruchtblase wohl extrem gespannt gewesen und wie ein Ballon geplatzt sei, deshalb der Ausruf und alles hätte nach Horrorfilm ausgesehen weil es so gespritzt hat.
Als nächstes kam das wohl unangenehmste Gefühl, dass ich je erleben musste. Es fühlte sich an als würden meine Innereien allesamt herausgerissen werden und als wären sie irgendwo verhakt und man müsse noch stärker ziehen. 
Bei dem Gedanken daran wird mir schon wieder übel…

Und dann blicken mich da zwei dunkle Augen über den Vorhang hinweg an und meine kleine Maus schrie zum ersten Mal. Ihr zierlicher Körper war Blutverschmiert, keine Käseschmiere, keine Anzeichen für Sauerstoffmangel und ich war glücklich. Ich kämpfte mit den Tränen und 40 Minuten später durfte ich meine Tochter das erste Mal in die Arme nehmen, bis dahin hat sie auf Papas Brust gekuschelt. Sie war so klein, mit ihren 47 cm und 2410 Gramm aber schon so stark. Das Stillen klappte auf Anhieb perfekt, sie tat sich erst etwas schwer da der kleine Mund noch schwach war, aber sie hatte bald den Dreh raus und wir blieben eine Woche im Krankenhaus, bis meine Werte wieder stabil waren.




Ich hatte eine schwere Präeklampsie, umgangssprachlich eine Schwangerschaftsvergiftung, d. h. das Kind ist die „Vergiftung“.
Warum ich das Ganze so ausführlich schreibe? Nicht um euch Angst zu machen, sondern weil keine Schwangerschaftsvergiftung gleich abläuft, viele Frauen leiden danach an einem Geburtstrauma, fühlen sich der natürlichen Geburt beraubt. Wenn das Stillen danach Probleme bereitet, das Kind vielleicht sogar keinen Körperkontakt zur Mutter haben darf erschwert es das Ganze noch zusätzlich. Dieses Trauma kann so weit gehen, dass Frauen behaupten das Kind in ihren Armen sei nicht ihres.
Ich blieb davon verschont und das ist zum Teil meiner Hebamme, meinem Frauenarzt und nicht zu letzt meiner Tochter zu verdanken.
Meine Hebamme und Frauenarzt sagten oft, dass man sich nicht auf eine natürliche Entbindung versteifen soll. Sicher ist sie schön, eine wunderbare Erfahrung, aber wenn es aus welchen Gründen auch immer zu einem Kaiserschnitt kommt, kann man es nicht ändern und sollte es einfach annehmen. Meine Tochter half mir ganz besonders durch ihre Nähe, das Stillen und mein Bauchgefühl voll Liebe und Glück, zu diesem Zeitpunkt war das das Beste für mich/für uns.

Hört als Schwangere (und auch sonst) immer auf das „irgendwas ist komisch“ Bauchgefühl.
Hätte die Ärztin nicht meinen Blutdruck gemessen und mein Mann wäre arbeiten gegangen, weder meine Tochter noch ich würden heute leben. Meinem Körper ging es so plötzlich schlecht, dass ich alleine zu Hause nicht mehr in der Lage gewesen wäre einen Notruf abzusetzen.
Meist müssen die Kleinen schon viel früher geholt werden, haben dann Monate in einem Brutkasten mit Beatmungsgerät und Sonde vor sich. Oft tragen diese Babys Schäden davon, körperliche und geistige auf Grund von Unterversorgung oder seelische in Form eines Traumas durch das Intubieren. All das ist nicht schön und ich bin dankbar, dass meine Maus es bis zur 37. SSW geschafft hat und nur vier Wochen zu früh war.
Sie brauchte nicht beatmet zu werden und ich konnte sie direkt stillen. Im Grunde habe ich das meiste abbekommen. Laut der Ärzte hätten meine Nieren und Leber es vielleicht noch 30 Minuten, maximal eine Stunde geschafft und da mit deren Versagen dem Körper dann die Entgiftungsorgane gefehlt hätten, hätte ich neurologische Schäden davon getragen.
Ich bin kein Pflegefall, lebe noch, meinem Kind geht es gut und auch wenn ich meine Nieren jährlich untersuchen lassen muss kann ich wie vorher unbeschwert und ohne Einschränkungen leben. Die Ärzte haben alles getan und ich hatte eine riesige Portion Glück mit einem großen Schutzengel.


Auch heute noch würde ich für meine Tochter jede meiner Nieren geben, damit sie leben kann!




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