Montag, 27. Juni 2016

Geburtsmärchen

Es war einmal eine kleines Erdbärinchen, das sich vor 303 Tagen auf den Weg machte die große weite Welt zu erkunden. Ganze neun Monate und 29 Tage liegen zwischen diesem besonderen Tag und heute. Genauer gesagt bin ich seit nunmehr 43 Wochen und 2 Tagen seine Mama. 

Der Weg dahin, also meine Schwangerschaft, war märchenhaft. Abgesehen von gelegentlicher Kurzatmigkeit und Sodbrennen, plagten mich keinerlei Beschwerden. Nichtmal Schwangerschaftsstreifen ließen sich blicken. Auch mein neuer Arzt und die bei ihm angestellten Hebammen waren mir sehr sympatisch. Um bestmöglich auf das baldige Ereignis vorbereitet zu sein, las ich unzählige Geburtsberichte in Foren, quetschte sämtliche Mütter in meinem Familienkreis aus, und sprach auch mit meinen noch kinderlosen Freundinnen über ihre Vorstellungen einer Geburt. Überraschenderweise wurde mir dabei von vielen immer wieder die Option Kaiserschnitt ans Herz gelegt und so schloss auch ich es von Anfang an nie gänzlich aus. Wie in den meisten Märchen, gibt es auch in meinem Geburtsmärchen einen bösen Drachen. Sein Name ist primärer Kaiserschnitt.
Vor lauter Babyglück schwebend, nahm ich an einem Geburtsvorbereitungskurs teil. Dieser fand wöchentlich in der Geburtsklinik statt, in welcher ich mich ebenfalls für die anstehende Geburt anmeldete. Auch hier machte ich durchweg nur gute Erfahrungen mit den anderen werdenden Müttern und Vätern. Den Kurs für Paare leitete eine außergewöhnlich liebenswürdige Hebamme. Sie war groß, blond gelockt, und wirkte auf mich so unheimlich kompetent mit ihrer beruhigenden Stimme. Ganz anders war meine betreuende Beleghebamme, die ich erst sehr spät finden konnte (alle anderen waren leider bereits "ausgebucht"). Sie hingegen war klein, trug ihr Haar schwarz mit einer knallroten Strähne im Pony, und wirkte auf mich durchaus kompetent. Jedoch war sie laut, herrisch und ließ uns nur sehr selten zu Wort kommen. Da sich mein kleines Erdbärinchen in meinem Bauch von Beginn an immer gerne drehte, witzelte mein Arzt ich solle das Kind doch Wendelin nennen, wenn es ein Junge wird und hat mich im gleichen Atemzug ganz lapidar über Kaiserschnitte informiert: "Ja, da wird ihr Bauch stellenweise aufgerissen und die Narbe wird man später kaum sehen können!" Ein primärer Kaiserschnitt sei nämlich dann notwendig, wenn das Kind in der Beckenendlage (also mit dem Popo nach unten) liegen bleiben würde. Mit diesen Informationen wendete ich mich zunächst an meine Hebamme aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Ich sprach die Problematik einer Beckenendlage bei einer spontanen Geburt öffentlich im Kurs an. Ihre fröhliche, liebenswerte Ausstrahlung änderte sich schlagartig und sie antwortete genervt: "Da gibt es nicht viel zu wissen. Man wird halt aufgeschnitten, etwas gerissen und danach hat man eben Schmerzen." Daraufhin schwenkte sie auf ein anderes Thema um und wurde wieder freundlicher. Später erfuhr ich, dass sie selbst eine Tochter, aufgrund einer Beckenendlage, durch einen Kaiserschnitt zur Welt brachte. Ich wendet mich also an meine Beleghebamme. Auch sie reagierte auf das Thema Kaiserschnitt so, als hätte ich ein Schimpfwort gesagt und lud mich umgehend zur Moxibustion bei sich ein. Auf meinem Rücken und mit meinen Füße gegen die Wand gelehnt, lag ich auf ihrem Küchenfußboden. Nun stand sie da -quer über mir- und erhitzte meine kleinen Zehen abwechselnd mit einer mit Beifuß gefüllten Zigarre. Es stank so fürchterlich, das mir ganz schlecht dabei wurde. Zwei Wochen lang wiederholten wir diesen Vorgang, bis zu meiner nächsten Untersuchung bei meinem Arzt. Dort erfuhr ich, das sich Erdbärinchen gedreht habe und ich nun selbst entscheiden könne ob dies Zufall, oder dem Moxen zu verdanken sei. Ich fühlte mich, als würden mein Arzt und meine Beleghebamme einen Streit durch mich ausfechten. Mediziner gegen Öko-Tante. Kaiserschnitt gegen homöopathische Akupunktur. Letztendlich war ich überglücklich über die Wendung und schwebte nun weiter auf meiner Babywolke dem Schwangerschaftsende entgegen. Am Freitagmorgen vor dem errechneten Geburtstermin (ET) war es wunderbar warm und ich unheimlich glücklich. Ich frühstückte ausgiebig mit meinem Freund, bevor er mich zum Arzt fuhr. Er konnte bei dieser Untersuchung nicht dabei sein, weil er die letzten Dinge für unseren Umzug noch abholen wollte. An diesem Tag war mein Arzt bereits im Urlaub und seine Kollegin führte einen Ultraschall durch, um die verbleibende Fruchtwassermenge zu überprüfen. "Oh!" sagte sie, verließ den Raum und ließ mich alleine zurück. Ich finde, kein Arzt sollte in keiner Situation und zu keiner Zeit ein unheilvolles "Oh" verlauten lassen. Meine Gedanken überschlugen sich, während ich in dem dunklen Raum auf die Aufklärung wartete. Die Ärztin rief mich in ihr Behandlungszimmer. Sie saß da mit einem beklemmenden Blick, blätterte in irgendwelchen Unterlagen und begann unverständliche Worte zu stammeln. Letztendlich entschuldigte sie sich mehrmals bei mir und überwies mich umgehend an die Geburtsklinik, da es sich nun doch um eine Beckenendlage handeln würde. Ich verließ die Praxis, rief meinen Freund an, stieg in sein mit Umzugskartons bepacktes Auto und gemeinsam fuhren wir zur Klinik. Dort angekommen wurden wir zunächst mit der Tatsache konfrontiert, das eine spontane Geburt nicht Möglich sei. Der nächstgelegene Arzt, der eine Entbindung aus Beckenendlage durchführen würde, wäre im knapp 200km entfernten Frankfurt und somit rate man uns davon ab. Auch eine äußere Wendung, bei der das Kind durch die Bauchdecke hindurch gedreht werden kann, sei aufgrund der geringen Fruchtwassermenge und dem Fortschritt der Schwangerschaft nicht mehr möglich. Man informierte uns über den Ablauf einer Kaiserschnittoperation, ließ uns warten, stellte uns diversen Ärzten vor, ließ uns warten, untersuchte mich, ließ uns warten und hielt uns somit bis 22:30 Uhr hin. Plötzlich wollten sie noch an diesem Abend den Kaiserschnitt durchführen. Mein Freund, der sich an diesem Tag als wahrer Märchenprinz entpuppte, verneinte dies ausdrücklich und verwies drauf, das ich den ganzen Tag nichts gegessen habe und mein Kreislauf schon im Keller sei. Somit wurden wir endlich erlöst und durften uns bis zur Entbindung am frühen Samstag Morgen ein Patientenzimmer teilen. Da uns nun niemand, abgesehen von Wikipedia und Co., auf einen Kaiserschnitt vorbereiten wollte, gaben wir uns den Geschehnissen hin. Und da die besten Märchen ein Happy End haben und eine Prinzessin auch nie fehlen darf, hielten wir schon kurze Zeit später unendlich stolz unsere winzige Tochter im Arm. Ich habe sehr lange gebraucht, um den Kaiserschnitt zu verarbeiten. Allerdings weniger den Vorgang an sich, als die Reaktionen der Hebammen und Ärzte. 

Beim allerersten Besuch meiner Hebamme am Wochenbett kommentierte sie die Beckenendlage böse: "Und das hast du nicht gemerkt, das sie mit den Füßen nach oben lag?" Nein, habe ich nicht! Ich wusste nicht wie sich das normalerweise anzufühlen hat. Ich weiß nur, das mein Märchen über eine winzig kleine Prinzessin an dieser Stelle für euch endet.

Und #papamamababybär lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Gute Nacht,
Theresa
(woelkchentraum)

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